Freie Volksbühne Berlin – Aus meinem Spiral-BLOCK: Theaterbetriebsnotizen 202 0

HEUTE: 1. „Wunschkinder“ – Renaissance-Theater / 2. Inge Keller – die Grande Dame des deutschen Theaters ist tot

1. Renaissance-Theater: Vom schleichenden Unglück mit Papas dicker Brieftasche
Da rackert man sich für die lieben Kleinen ab, damit ordentlich was wird aus ihnen – wobei wir die Grenzen zum pädagogisch Überkorrekten hingebungsvoll überschreiten. Doch dann kommt spätestens nach dem Abitur außer Undank und Respektlosigkeit, nichts zurück. Voll elternfinanziert hängen die Teenies im Full-Service-Hotel Mama & Papa ab. Chillen, bis sie kurz vor Mitternacht wieder um die Häuser ziehen von Party zu Party. Bei Nachfragen hinsichtlich Zukunft, mithin so Sachen wie Studium, Ausbildung, Beruf, da kommt statt einer Idee bloß ein genervter Augenaufschlag. „Man redet, man baut goldene Brücken, macht Vorschläge und was sitzt neben einem? Totes Fleisch. Ein Teenager. Genauso könnte ich einen Pudding nach dem Sinn des Lebens fragen“, stöhnt Familienvater Gerd (Klaus Christian Schreiber), derweil Sohnemann Marc kiffend die Matratze wärmt und die Kopfhörer ihn abschotten von den ätzenden Sorgen der Alten. Die wissen natürlich keine Antwort darauf, was da womöglich schief lief beim doch so sanft und betont freiheitlich und jedwedem Eigensinn gegenüber höchst verständnisvoll angegangenen Großprojekt Erziehung zur Lebenstüchtigkeit.

Das so erfolgreiche Berliner Autorenduo Lutz Hübner und Sarah Nemitz („Frau Müller muss weg“) hat in seinem Stück „Wunschkinder“ auch keine griffigen Antworten parat, wie es im begüterten Mittelstands-Haushalt vom Gutverdiener Gerd und Hausfrau-Gemahlin Bettine (Simone Thomalla) zu Marcs elender Wohlstandsverwahrlosung kommen konnte. Dafür glänzen die Autoren mit sehr genauen Realitätsbeschreibungen in dieser honorigen Familie, zu der noch Bettines Schwester Katrin (Angelika Milster) gehört. Zaghaft angebahnte familiäre Bande zu Marcs Freundin Selma (Emma Lotta Wegner) von Marc (Arne Gottschling) frisch geschwängert – sowie deren Mutter Heidrun (Judith Rosmair), die lösen sich rasch wieder auf, nachdem Selma den Keimling verlor wie ihre frühe Liebe, die sich als luftige Teenager-Liebelei entpuppte.

Das sonderlich Spannende an diesem Szenario sind die psychosozialen Kontraste: Selma ist ein taffes, realitätsverbundenes Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen, das sein Geld fleißig jobbend selbst verdient, auf Abendschule sein Abitur macht und früh schon Verantwortung übernahm für die depressive Mutter – und die berufliche Zukunft. Das genaue Gegenteil vom egoistischen Schlaffi-Schlacks Marc mit dem verführerischen Charme. Hübner und Nemitz blättern eine beträchtliche, noch dazu ödipal grundierte Ambivalenz ihres Figurenpersonals auf. Nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Generationen tun sich immer mehr harsche Konflikte auf. Sinnkrisen, Entfremdungen. Erkenntnisgewinne auf beiden Seiten – etwa hinsichtlich grenzenloser Liberalität oder dicker Brieftaschen. Keiner kommt ungeschoren davon.

Dass dies drastisch gespannte Beziehungschaos nicht ins dramatisch Schwerlastige wuchert, liegt am sarkastisch geschliffenen Script, an der tollen Kunst der Autoren, mit Wortwitz und Lakonie zu prunken. Und an der so leichthändigen wie punktgenauen Regie von Torsten Fischer. Und nicht zuletzt am furios aufspielenden Ensemble, das womöglich aufpassen muss, dass letztlich die doch ziemlich problematische Geschichte zumindest in Teilen nicht untergeht in schenkelklopfender Lustigkeit. Wird doch das amüsiert hingerissene Publikum geradezu aus den Sesseln geworfen. Und fällt doch eher selten, erschrocken vom Ernst der Lage, zurück ins Polster. – Obwohl kein Happyend: Riesenbeifall. Ein neues Kultstück für Berlin. Kein Wunder, wenn es alsbald (wie „Frau Müller muss weg“) verfilmt werden wird.
(14.-28. Februar; 1.-9. März)

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2. Ich spiele halt. Nix weiter… Zum Tod von Inge Keller
Ein Gesicht so hoch. Vom unteren Zeitungsrand bis ganz oben und in der Mitte zwei Riesenpunkte. Zwei den Betrachter durchdringende Augen, fragend, allwissend. Dazu Lippen: breit, aufreizend, abweisend. Mit Spott im Mundwinkel. Ein wahrlich erhabenes Antlitz: hellwach und doch seltsam von Müdigkeit umhaucht. Streng und sanft zugleich. Eine einzige Irritation, dieses sehr aus üblicher Art schlagende Titelblatt der DDR-Fernsehillustrierten, das wir uns einst als Teenager an die Wand pinnten. Das wir auch nach Jahrzehnten noch im Hirn haben. Es war ein Rollenfoto, in suggestivem Schwarzweiß: Inge Keller 1962 als Goethes Iphigenie an Berlins Deutschem Theater.

Gern gab die Keller ihre „Iphigenie-Anekdote“ zum Besten: Sie wollte endlich auch „theoretisch gerüstet“ sein, hatte „reichlich Literatur studiert“. Auf der Probe dann mit Regisseur Wolfgang Langhoff spielte sie „gerüstet“, fand sich „enorm“. Doch Langhoff nahm sie beiseite und raunte: „Ach, Ingelein, sei doch wieder doof.“ „Tja, ich spiele halt. Nix weiter“, so sprach sie bis zuletzt ganz untheoretisch; mit spitzem Unterton. Nun ist sie, seit drei Jahren ans Bett gefesselt, in ihrer „Matratzengruft“ in Berlin gestorben.

Wer je ihre Stimme hörte, vergisst sie nie. Letztens etwa mit einem Text von Stefan Zweig. Oder, noch kurz vorm 90. Geburtstag zum siebziger Bühnenjubiläum, mit einem Monolog von Christoph Hein über Tilla Durieux. Eine harmlose Anekdotenplauderei, von der Keller in statuarischer Haltung (zwei kaputte Hüften) und lebensweiser Lässigkeit abgründig grundiert. Gerahmt von einer das Alter subtil ironisierenden Sprechlangsamkeit: die Konsonanten hell und scharf, die Vokale weich und dunkel. Große Zungen- und Kehlkopfkunst. Sie war ja überhaupt eine enorme Formerin. Diese letzte Diva alter hoher Schule.

„Hier spricht die diensthabende Gräfin der Deutschen Demokratischen Republik“, so hat sie sich, die Berliner Unternehmertochter vom Jahrgang 1923, einst gern am Telefon gemeldet; sagte sie selbst – und zog einen albernen Flunsch dabei. Die Keller als wandelnder Anachronismus. Als damenhafter Typ, dessen äußerliche Kühle ein entflammbares Temperament abdeckt – selbst als Tragödin. Ihre Goethe-Iphigenie galt als Gipfel „gepflegt durchstilisierter“ Form. Und war Schlusspunkt zugleich. Fortan trat die Machart impressionistischer Ausdeutungsgenauigkeit in den Hintergrund, mit der die Keller groß und zur großen Spielerin geworden war (Emilia in „Othello“, Goneril im „Lear“). Auch am DT rückten Regisseure „die Kreativität“ einer Figur, ihre „soziologische Struktur“ in den Mittelpunkt. Was man aus und mit dem Theater alles machen kann, das wurde wichtiger als betonter Seelenrealismus. Die Zeit ging hinweg über die diensthabende Aristokratin, über die Virtuosin der getüftelten Form, des inneren Gestimmtseins. Sie galt als schwierig und aus der Zeit gefallen. Länger als ein Jahrzehnt stand sie nur noch auf der DT-Gehaltsliste, nicht aber auf der Bühne. Schwere Krise!

Erst 1980, mit Regisseur Alexander Lang, kam die Wende: Sein Coup: Er besetzte die Endfünfzigerin sensationellerweise als Dantons Geliebte Julie in „Dantons Tod“ von Georg Büchner: Julie als mütterliche Zuflucht für Danton, als eherner, souveräner Gegenpol zur vibrierend kindchenhaften Sinnlichkeit der Hure Marion. Die Keller war wieder da! „Ich spielte halt“, gab sie lapidar erneut zu Protokoll. „Nicht mit zu viel Gefühl, nicht mit zu viel Verstand.“ Klingt einfach, ist aber schwer zu machen. „Und nicht ohne Handwerk, ohne Konzentration auf Dichters Wort.“ In der Unterwerfung unter die Dichtung – Dichtung, sagt sie, nicht Text – liege der „schönste Sieg des Spiels“.

Zu DDR-Zeiten war Inge Keller eine Privilegierte, noch dazu eine Zeit lang verheiratet mit dem führenden SED-Propagandisten Karl-Eduard von Schnitzler. Ihr luxuriöses Leben lang hing sie, die vornehm Herrische, an sozialistischen Idealen. Passte nicht recht zum piefigen Land, dessen grausame Wirklichkeit sie nie recht wahrnahm, was sie im Nachhinein zerknirscht gestand. „Die Verdrängungsmaschine hat Zeit meines Lebens bestens funktioniert. Am Ende ist sie mir kaputtgegangen. Auschwitz und Stalin, das ist für ein Leben zu viel. Wer darüber nicht den Verstand verliert, der hat keinen.“

Begonnen hatte Inge Keller, stammend aus dem gutbürgerlichen Berliner Westen, in ihrer Heimatstadt. Die blieb das Zentrum ihrer Karriere. Ihr Debüt gab sie 1942 im Theater am Kurfürstendamm als Eliza Doolittle in Shaws „Pygmalion“. Doch Triumphe sollte die Keller im Osten der geteilten Stadt feiern. Mit der deutschen Wiedervereinigung avancierte sie zum allseits gefeierten Star im Hauptstadttheater. Seit 1950 gehörte Inge Keller zum Ensemble des Deutschen Theaters, fand trotz besagter Schwierigkeiten an diesem „einer Stradivari gleichenden, schönsten Haus der Welt“ ihre großen Rollen wie Sternheims Tugendjungfer Elsbeth Krull, Molières Elmire oder Frau Alving in Ibsens „Gespenstern“. Nach 1990 faszinierte sie als die erhaben grantig-zynische Zachanassian in Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“. Und in geradezu marmorner Archaik in Ulrich Mühes Heiner-Müller-Inszenierung „Der Auftrag“ oder in den artifiziell wuchtigen Produktionen von Einar Schleef, Robert Wilson, Michael Thalheimer – in dessen „Faust“ als entrückte „Ewigkeitsfigur“.

Bei allem kompromisslosen Willen zur Form war die Keller niemals glatt. Als preußisch Korrekte, hart arbeitende Künstlerin – so ihr Selbstbild – gelangen ihr nuancierte Figurenzeichnungen selbst extremer Charaktere. Die ihr eigene Grandezza gab all ihren Darstellungen etwas, was zwar bewundert, aber heutzutage doch gern als altmodisch abgetan wird: nämlich Noblesse. Max Reinhardts Zauberwort vom „Glanz“, ohne den Theater gleich welcher Art nichts sei, das hat sie verinnerlicht. Bei allen Brechungen: Es war ihr Wesen.

„Die Welt ist aus den Fugen, und ich sitze im Warmen. Ich müsste so glücklich sein“, sagte sie, als sie siebzig war. Doch das Erinnern sei ihr die Hölle, kein Paradies, klagte sie bis zuletzt. „Das schwere, einsame Alter“ gehe einher mit zu viel Totenbeschwörung. Sie quäle sich mit dem Gedanken an das, was der ihr eigene „verdammte Absolutismus“ alles zerstört habe im Leben, gestand sie mit leiser Verbitterung in ihrem feinen Zuhause mit Panoramafenster ins stille Grün von Berlin-Niederschönhausen, das sie seit 1961 bewohnte das in seligem Gedenken an Iphigenie ihr „Tauris“ war. Bis sie umzog in eine Seniorenresidenz, ihr Domizil bis zuletzt.

„Die totale Abhängigkeit von allem und jedem ist das Entsetzliche meines Berufs.“ Doch der blieb dennoch ihr Ein und Alles, ohne Rücksicht auf Verluste wie Freundschaft, Liebschaft, Liebe, Mutterschaft. Das alles habe sie „nie wirklich durchlebt“. – „Defizite!“ „Mein wahres Leben hat sich immer nur auf der Bühne abgespielt. Das war mein Ort zum Überleben. Das Dasein draußen war mir stets bloß Schein“, gestand sie uns einst, schon jenseits der Achtzig, leise mit Blick ins Leere. Der vielleicht kitschige Opern-Satz „Nur der Kunst weiht’ ich mein Leben“ war das in Stein gemeißelte Motto von Inge Keller. Und im Edelholz-Schubfach auf „Tauris“, ganz hinten verkramt, der DDR-Nationalpreis Erster Klasse und der Verdienstorden vom Land Berlin. Der selten satt machende Ruhm bedeutete ihr viel – und wenig zugleich. „Ja, an diesem Irrsinn kann man verrückt werden.“ Die Keller hat ihn, von uns und von außen gesehen, königlich durchgestanden. Ein triumphales Dasein, tragisch umflort. „Nur mit Müh’ und Not zu ertragen.“ Nun ist’s vollbracht. Inge Keller wurde 93 Jahre alt.

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